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Appell zu einem respektvollen Miteinander: 


Bettagsmandat 2018  


Es ist ein mulmiges Gefühl, und es ist in diesem Sommer noch mulmiger geworden. Bald einmal kann jede und jeder von uns ein Liedchen davon singen, wie im Bekanntenkreis auf einmal verächtlich von anderen Menschen dahergeredet wird und Leute verleumdet werden. Oder wie eine Freundin oder ein Freund auf einer Plattform der sogenannten „sozialen Medien“ jemanden beleidigt oder verunglimpft. Ist in der Nachbarschaft eine Flüchtlingsfamilie eingezogen, geht es nicht lange, bis sich der Sozialneid bemerkbar macht: „So eine Wohnung steht ja eigentlich unseresgleichen zu und nicht denen!“ Und die Abschwächung der Respektlosigkeit wird gleich mitgeliefert: „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“ 
  
Während des umstrittenen Neubaus des Stuttgarter Bahnhofs vor einigen Jahren ist der Begriff des „Wutbürgers“ entstanden. Er steht für die wachsende Grundaggression in der Gesellschaft, die sich bei verschiedenen Anlässen rasch entladen kann. Mittlerweile sind ja nicht einmal mehr Ordnungskräfte, Rettungskräfte und Mitarbeitende von Spitälern vor Gewaltausbrüchen sicher. Hier bei uns, und nicht drüben in den Vereinigten Staaten von Amerika. 
  
Der bekannteste Psychiater der Schweiz, Frank Urbaniok, hat kürzlich in einem Interview mit der NZZ treffend erklärt, was in unserer Gesellschaft los ist: „Das Wutbürgertum wird durch das Internet und die Foren kultiviert und gesteigert. Die Leute können sich gegenseitig hochstacheln, sie finden plötzlich Massen von Gleichgesinnten. Während ein Einzelner vorsichtig ist, legt er die Zurückhaltung unter Gleichgesinnten ab. Der zweite Punkt ist die klare Tendenz in den Mainstream-Medien, alles zu forcieren und zuzuspitzen. Das gilt auch für die Unterhaltung: immer noch provokativer, noch blöder, der noch grössere Tabubruch.“ 
  
Der Zorn und die verbale Diskriminierung kennen keine Grenzen mehr, und das wird gezielt ausgenutzt. Frank Urbaniok ist sich sicher, dass dieser Trend anhalten und am fragilen Konstrukt der Demokratie Schäden hinterlassen wird. 
  
Was können wir dagegen tun? Wir alle können im Beruf und im Privaten,im Freundeskreis und in der Familie, im Bus und im Tram und in sozialen Netzwerken für Achtung vor der Person unserer Mitmenschen eintreten und für eine Gesellschaft einstehen, welche das garantiert. Wir müssen die Solidarität in unserer Gesellschaft stärken. Wir müssen dafür sorgen, dass Respekt, Fairness und gleiche Chancen für alle keine Phrasen für Sonntagsreden sind, sondern Ziele, für die es sich zu kämpfen beziehungsweise Politik zu machen lohnt. Kein Mensch wählt den Ort, an dem er geboren wird. 
  
Der Staat mischt sich heutzutage in unseren Breitengraden in aller Regel nicht in die inneren Angelegenheiten der Kirchen ein. Aber er hat doch auch Erwartungen gerade an die drei Landeskirchen! Diese liegen vor allem in den drei folgenden Funktionen der Kirchen: eine Wert begründende, eine integrierende und einekritische: 
  
  • Die von den Kirchen aus dem Geist der Heiligen Schrift vertretenen Grundwerte sind für den Staat unentbehrlich. Es sind dies vor allem Achtung vor der Freiheit und der Würde der menschlichen Person, ferner Liebe, Wahrheit, Friede, Gerechtigkeit und Solidarität. Durch die Erhaltung und die Vermittlung solcher Grundwerte tragen die Kirchen eine hohe Verantwortung für Staat und Gesellschaft. 

  • Der Staat ist auf einen möglichst breiten Konsens der Grundwerte angewiesen. Die Landeskirchen wirken dabei als wertvolle integrierende Kräfte. 

  • Schliesslich hat die Kirche Staat und Gesellschaft gegenüber auch die Pflicht, die Botschaft Christi zu verkünden und Kräfte zu kritisieren, welche die Menschenrechte, die Menschenwürde und die göttliche Berufung des Menschen missachten.
 
Kirche und Staat sollten gemeinsam gegen Ausgrenzung sowie verbale und physische Gewalt antreten und dies unmissverständlich als Abweichung von den Werten und Normen unserer Gesellschaft deklarieren. In diesem Sinne ist der Appell im Rahmen des diesjährigen Bettagsmandats ein wichtiger Schritt im Kampf gegen die schleichende Konsensverschiebung im öffentlichen Diskurs.